Arbeiten an Systemen

Im Moment bin ich mal wieder krank (warum blogge ich immer, wenn ich krank bin?). Deshalb habe ich viel Zeit, und ich nutze sie, für Arbeit an Rollenspielen.

Wie vielleicht bekannt, gibt es zwei Rollenspielsysteme, an denen ich zur Zeit arbeite. Zum einen Soulstone, ein Dungeoncrawler mit Regeln und Moschen, und FUGS, welches den Anspruch erhebt, ein universelles Rollenspiel, ähnlich GURPS oder Savage Worlds zu sein. Arrogant, wie ich bin, behaupte ich, beide Systeme sind kommerziell verfügbaren überlegen :P

Ina hat mich nun gebeten, ihr zu helfen, ein eigenes System zu bauen. Dabei hat sie sich ein paar Gedanken zu Stochastik gemachtu nd mich gebeten, ihr zu sagen, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand etwas schafft. Das ist gar nicht mal so einfach, um nicht zu sagen, völlig unmöglich. Wer soll was schaffen? Unter welchen Bedingungen? Man kriegt das vermutlich nicht hin, ohne völlige Willkür walten zu lassen.

Sie hat sich also nun eine Tabelle gemacht, wie gut ein “guter” Charakter bei “guten” Aufgaben sein soll, ein mäßiger bei mäßigen, und so weiter. Sie wollte nun ein Würfelsystem, welches diese Tabelle abbildet. Ich hab nach weiteren Forderungen gefragt, sie wusste aber keine.

Ich hab also ein bisschen gerechnet, und dann ein paar Systeme vorgeschlagen (z.B. W100). Dabei ergaben sich aber immer weitere Probleme: Das System skaliert nicht gut über gewonnene Erfahrung, über gewährte Boni/Mali, man bekommt keine sinnvolle und einfache Mechanik für den Charakterbau hin, man muss viele und abstruse Würfel benutzen, das System wird zu kompliziert, etc. pp.

Irgendwann kamen wir zur Erkenntnis, dass es wohl gar nicht mal so einfach ist, ein Würfelsystem auf ein gewünschtes Wahrscheinlichkeitssystem zu stülpen, nicht mal ungefähr. Viel schlimmer aber noch: Egal, wie man es macht, nachher fühlt es sich irgendwie scheiße an. Man hat nicht das Gefühl, “gut” zu sein, wenn man hoch skillt. Proben laufen nicht flüssig ab; man muss nervig Dinge zählen etc.

Fazit: Ein Würfelsystem zu bauen ist ziemlich schwer. Man muss nicht nur Wahrscheinlichkeiten abbilden, sondern einen riesigen Katalog an Forderungen erfüllen, welche man blöderweise vorher gar nicht kennt. Die meisten sind dabei idiotischerweise dergestalt, dass man einige der wichtigsten Forderungen für ein cooles Rollenspielgefühl gar nicht mathematisch gefasst bekommt. Also: Lieber das optimieren, was man so kennt, als das Rad neu erfinden zu wollen. Ist zwar nicht perfekt, aber man kommt zumindest parat.

Krankenschwestern

Ich durfte am Wochenende spontan ein wenig im Krankenhaus verbringen. Dabei habe ich eine empirische Beobachtung gemacht. Die folgenden Erläuterungen lassen jeweils dazwischenliegende Zeiträume von 5 Minuten bis 5 Stunden aus, da sie für die eigentliche Erkenntnisse irrelevant sind.

Und zwar kam ich an in der Aufnahme der Kassenärztlichen Notfallbla. Dort gab es eine Chefin (keine Ahnung, was die war, Notärztin oder studierte Mund-zu-Mund-Beatmerin oder so), und ein ziemlich gut aussehende Krankenschwester. Sie war nett und freundlich und eben ziemlich heiß (hoffentlich zensiert mir Ina das nicht ^^). So, wie nur Klischeekrankenschwestern aus Filmen sind. Ein Arzt beschloss, mich dazubehalten – kann ich verstehen, würd mich auch gern um mich haben.

Deshalb wurde ich in ein Bett verfrachtet, welches eine neuerliche Schwester auf eine Station bringen sollte – mit mir als Inhalt. Diese Schwester war nun nicht mehr so ganz filmtauglich. Hatte ein ganz süßes Gesicht, war freundlich und die Figur war am oberen Rand von okay.

Auf der Station lerne ich meine Stationsschwester kennen. Die kümmert sich um mich. Sie ist deutlich älter als die beiden vorigen, was leider sowohl an ihrer Leibesfülle als auch an an ihrer Ausstrahlung auf mich nicht nur gute Spuren hinterlassen hat. Naja, immerhin sauber hergemacht, einigermaßen freundlich und sah, soweit ich das bei +10-+20 Jahren beurteilen kann, noch ganz annehmlich aus.

Da die Stationsschwester irgendwann Feierabend hat, braucht es eine Nachtschwester. Die Nachtschwester hatte akzeptables Gesicht, leider war es komplett in ein Kopftuch gehüllt. es war kein normales Kopftuch, sondern so, dass der Rand des Kopftuchs so ungefähr 5 cm über das Gesicht hinausstand (vielleicht mit Pappe gefüllt oder so?). Man guckte also in eine Art Gesichtstrichter. Die Attraktivität wurde von einem Kreuz, die einem (männlichen!) Spitzensportler Ehre gemacht hätte, nicht gerade erhöhrt, und dieser Trichterkampfkoloss war gefühlte 1,50 groß. Vielleicht sogar wirklich 1,50. Sie meinte zwar immer, ich solle sagen, wenn was ist, aber wenn dann was war, hat es sie nicht sonderlich interessiert.

Nächte gehen, und so auch Nachtschwestern. Die nächste Schwester hatte wohl zahlreiche Anmachen satt, deshalb hatte sie ihren Haarwaschrhytmus scheinbar auf “monatlich” geändert. Zumindest glänzten die Haare dementsprechend fettig. Das Gesicht kann ich nicht beurteilen, da angenehm siffige Strähnen dieses Haares zumindest den oberen Teil davon verdeckten. Der Teil darunter war ein gerader Strich – ohne Hüfte, ohne Brust, und ungefähr so breit wie meine beiden aneinandergelegten Unterarme. Mich ignorierte sie im wesentlichen.

Als ich dann endlich den Laden verlassen durfte, teilte mir dies eine Krankenschwester russischen oder slawischen Ursprungs mit. Sie war Mitte 50, hatte grellrot gefärbte Haare (so wie Buntstifte!), die sie auf dem Kopf zu einer Art Donut zusammengewunden hatte, eine Lehrer-Brille und Falten, die irgendwie keinerlei erkennbaren Gesichtszügen oder so folgten, sondern wirr durch das Gesicht furchten. Den Ursprung erkannte ich daran, dass ihre Artikulation aus stark Akzent-behafteten, wenigen Worten bestanden. “Sie können gehen!”, “Ärztin nicht Zeit!”, “Wir Faxen Papiere Hausarzt”, “Müssen nix haben”, “Können abholen Papiere in Hand”… in dem Stil.

Nehmen wir an, man könne die Attraktivität einer Frau mit einer Zahl beschreiben, und würde diese 6 Schwestern (die die einzigen waren, die in der Zeit mit mir geredet haben), danach sortieren. Dann ergäben sich 2 (attraktiv => nicht attraktiv und umgekehrt) Möglichkeiten – aus 720 Möglichkeiten insgesamt. Wie vielleicht aufgefallen ist, habe ich also etwas erlebt, dessen Chance 1/360 war. Da meine Krankenhausaufenthalte seit meiner Pubertät mit diesem Mal genau 1 sind, mache ich hier also eine extrem fundierte statistische Analyse über all meine Krankenhausaufenthalte seit meiner Pubertät: Die Krankenschwestern, mit denen ich das Vergnügen hatte, waren nach Attraktivität sortiert!

Kleine Anmerkung: Die Attraktivitätsminderung durch Bekopftuchung mag in der heutigen “OH GOTT ER HAT WAS GEGEN EINEN (hier beliebige Randgruppe oder als Randgruppe definierte, normale Personengruppe einsetzen) GESAGT, ER IST EIN NAZI. EIN NEO-NAZI. VERMUTLICH SOGAR EIN ULTRANAZI!”-Zeit weit aus dem Fenster geleht sein. Aber irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass mir bei einer Stripperin mit Kopftuch einer abgeht. Gleiches gilt für Menschen, mit denen ich nicht kommunizieren kann (nicht schlimm) – die das aber trotzdem vehement versuchen (schlimm).

Okay, hier meine wissenschaftlichen Ergebnisse aus meinen Beobachtungen:

Möglichkeit 1: Es gibt einen Gott, und er hasst Unordnung. Also hat er meine Schwestern sortiert. Das wäre lustig.

Möglichkeit 2: Mir ging es im Lauf der Zeit immer besser. Je weniger mein Körper dachte, dass ich bald ex gehe, desto weniger filterte er meine Wahrnehmung. Sprich: Eigentlich waren alle wie die letzte, ich hab nur schöne Dinge drübergefiltert. Das wäre traurig.

Möglichkeit 3: Es war Zufall. Das wäre langweilig.

Möglichkeit 4: Es gibt eine Schwestern-Konspiration (vermutich, aber nicht zwingend von den Schwestern ausgehend), die mich verwirren soll. Das wäre… erfolgreich, aber sinnlos.

Möglichkeit 5: Ich habe immer die letzte neue Schwester als Benchmark genommen und die darüberlegenden ignoriert. Das wäre ist unwahrscheinlich.

Möglichkeit 6: Die Geschichte ist frei erfunden, ich will mich nur als Ultranazi outen. Das wäre  mutig. Von mir. Auch von euch, wenn ihr mich nicht sofort anzeigt.

Fazit: Wer Krankenschwestern aufgabeln will, braucht keine komplexen Brüche zu fingieren. Es reicht, sich beim kassenärztlichen Notfalldienst ein Attest abzuholen, damit man eine Klausur schwänzen darf oder so.

Hunger!

Mich trieb ein kleines Hüngerlein.
Ich dacht: “Ich will nicht hungrig sein!”
Und ein kleines Hühnerbein
schob ich in meinen Schlund hinein.
Nun, ich gesteh: Es war nicht klein,
und es war auch nicht allein.
Denn statt mit Manieren fein
schob ich ein Dutzend Schenkel rein.
Und nun bin ich – es ist zum Schrei’n -
so fett, mir fällt kein Reim mehr ein.

Silvesterberg

Ich komme aus einem kleinen Dorf in der Gegend des Rheinlands. Es ist beschaulich dort, man könnte fast sagen, langweilig. Nur einmal im Jahr ist hier etwas los. Hinter dem Dorf ragt nämlich ein Berg auf, auf dessen Spitze eine kleine Kapelle steht. Diese Kapelle ist St. Silvester geweiht; und so ist es üblich, dass sich Jugendliche der Umgebung am 31. Dezember im Nachbardorf versammeln, um zur Kapelle hinaufzupilgern. Oben wird um die Kapelle eine kleine Zeltstadt aufgebaut, in der man sich dann mit den Erwachsenen und den kleineren Kindern trifft, um zu Essen und ins neue Jahr zu feiern. Mit 10 Jahren bin ich hier weg gezogen, und obwohl ich regelmäßig alte Freunde besuche und mit vielen von ihnen noch lange auf eine Schule ging, habe ich an diesem Ereignis noch nie teilgenommen.

Da ich zum Studieren weiter weg gezogen bin, besuche ich meine Eltern dieses Jahr über die freien Tage, und da mein Vater meinte, wir müssten Sylvester ja etwas unternehmen, ließ ich mich überreden, an der Wanderung auf den Sylvesterberg teilzunehmen. Ich stehe also vor dem Spiegel in der kleinen Diele meiner Eltern. Hinter mir meine Mutter, sie zupft meinen weißen Pullover zurecht und berät mit sich selbst, ob ein Hemd nicht doch angebrachter wäre. Müßig, ich habe gar keines eingepackt. Auch den weißen Pullover hatte ich eher zufällig dabei; der Brauch verlangt, dass alle Jugendlichen, die unverheiratet sind, weiß tragen. Da in unserem Alter nicht mehr geheiratet wird, heißt das alle, obwohl solche, die in einer Beziehung leben, meist einen dunklen Schal, eine dunkle Brosche oder dergleichen tragen.

Mit dem Wagen meines Vaters fahren wir dann in meine kindliche Heimat. Viele Orte sind mit Erinnerungen verbunden, nicht selten verwirrt jedoch ein kantiger Neubau mein Gedächtnis. Das breite Fahrzeug schiebt sich langsam über die verschneite Straße und wirkt völlig überdimensioniert zwischen den alten, kleinen Häusern. Ich winke im Vorbeifahren einem alten Freund, doch er bemerkt mich nicht. Ich höre in der Ferne die Musik einer Blaskapelle, da ich die rar gesäten richtigen Töne leicht mitzählen kann, tippe ich auf das Grundschulorchester. Meine Vermutung bestätigt sich wenige Minuten später, als wir auf den kleinen Dorfplatz biegen. Da ich wenig Lust auf Ratschläge meiner Eltern habe, nutze ich den kurzen Stop, als zwei Fußgänger vor dem Auto die Straße überqueren, um die Tür zu öffnen, ein kurzes “bis später” zu murmeln, und in den Schnee zu hüpfen. Ich werfe die Autotüre zu und bin erleichtert, als der Wagen weiterfährt, ohne dass ich mir aus dem Fenster noch Gutgemeintes zuwerfen lassen muss. Meine Freude währt nur Sekunden, trotz Rollkragen und Unterhemd unter dem Pullover merke ich schnell: Es ist kalt. Meine dünnen Stoffhandschuhe mögen für die Stadt geeignet sein, doch hier auf dem Land versagen sie völlig gegen den schneidenden Wind. Der Duft von Glühwein von einer kleinen Holzbude, um die sich die älteren Wanderer versammelt haben, macht mir Hoffnung, und so gehe ich dorthin. Ein paar bekannte Gesichter, ein paar Scherze, erleichtert bemerke ich, dass ich noch nicht den Anschluss verloren habe. Meine zweitgrößte Sorge ist also unbegründet gewesen. Ich bekomme einen Glühwein und wärme mich an einem Heizstrahler, Als Frau Kall zu mir kommt. Mit der Gemeindereferentin verbindet mich eine jahrelange Feindschaft, die sie mit unverschämter Freundlichkeit ignoriert, und so werde ich auch diesmal mit einem wenig erfreulichem Lächeln und einem zusammengerollten Zettel bedacht. Ich rolle ihn auseinander. B. Was auch immer, ich zucke mit den Schultern und will ihn gerade wegwerfen, als mir Matze zuflüstert “den brauchst du, damit du weißt, in welcher Gruppe du läufst.” Gruppe? Ich dachte, es gibt eine schöne Zeit mit meinen Freunden. Und ich dachte, ich könnte meiner größten Sorge entgehen – Anne, meiner Ex. Ich bin nicht überrascht, als ich zu dem lieblos ausgedruckten Din A 4 Blatt mit dem großen B marschiere, welches an einer Laterne hängt. Natürlich steht sie da. Ich versuche, nicht allzuviel über perfekte Beine und süße Lippen nachzudenken, als ich sie flüchtig begrüße. Ich ignoriere die kurze, weiße Tunika, die gerade noch lang genug ist, und versuche, mich mit dem Gedanken abzulenken, ob sie in der Strumpfhose nicht noch mehr frieren müsste als ich. Stiefel. Verdammt, ich hab geguckt. Ich steh unheimlich auf diese Stiefel, und ich weiß, dass mir ein sehr beschwerlicher Aufstieg bevorsteht. Ich hebe die Hand, murmle einen Gruß, ihrem Umarmungsansatz entfliehe ich. Damit es nicht zu unhöflich wirkt, gebe ich vor, mich auf dem Platz umzusehen. Matze C. Jo C. Roland C. Warum bin ich nicht C? Und noch schlimmer: Warum tragen alle, sogar der nicht gerade schlanke Matze, einen schwarzen Schal? “Kein Schal?” Die Frage hinter mir bringt mich zum erschauern. Offensichtlich hat sie mich noch nicht aufgegeben. Ich murmle etwas von “hat mir vorher keiner erklärt”, natürlich wissen wir beide, dass ich Single bin.

Das Event als solches schafft es einigermaßen, mich von Anne abzulenken. Von dieser Seite ist der Sylvesterberg ziemlich steil, ein knappes Dutzend junger Männer in DRK-Uniform zeigt mir, dass es wohl nicht ganz ungefährlich ist. Es gibt drei Wege hinauf, soviel weiß ich noch. Da B vermutlich der mittlere ist, kann ich die Strecke im Kopf nochmal durchgehen. Viel Wald, eine kleine Brücke. In der kleinen Hütte haben übereifrige Kirchgänger vermutlich einen Imbiss aufgebaut, hier müssten wir mit dem rechten Weg zusammentreffen. Dann wieder Wald, es wird steiler. Ich weiß, dass ich mir als Kind mal böse das Knie aufgeschlagen habe. Jetzt im Fackelschein… zumindest dürfte ich genug haben, was mich von Anne ablenkt. In der zweiten Hälfte. Die erste… ich beschließe, das Tempo hochzuhalten, als Frau Kall erneut zu mir tritt. “Pass auf die Kleineren auf, ja? Du bist ja schon erwachsen.” Ich denke an Foltermethoden und Zwangsexil, während sie mir strahlend eine brennende Fackel in die Hand drückt. “Viel Spaß!”

Gruppe B ist schließlich vollständig, ein gutes Dutzend fröhlicher Menschen. Und ich. Anne ist bei zweien der männlichen Teilnehmer hoch im Kurs, das heißt, ich kann mich dezent abseits halten. Frau Kall hält eine Rede, sie hat mit Tradition und Gott zu tun. Ich denke an die Stadt und freue mich auf die Heimkehr, mein Blick wandert sehnsüchtig zu Gruppe C. Jo, Matze und Roland haben die Köpfe zusammengesteckt, ich bin extrem neidisch und sehe mir den Rest von Gruppe C an. Zwei kleine Mädchen giggeln, eine Gruppe männlicher Teenager diskutiert augenscheinlich über ein Kartenspiel. Die restlichen drei Mitglieder der Gruppe kenne ich auch – Thorsten, Thorben und Thorin, Drillinge. Ihre Eltern zwingen die drei, sich gleich anzuziehen, und nennen sie die drei Donnergötter. Zumindest scheinen auch die drei mit der Gruppenaufteilung zufrieden, ihrer Gestik nach machen sie Furz-Witze. Ich zweifle langsam daran, dass die Gruppen wirklich ausgelost werden. Gerade, als mir auffällt, dass das auch nie jemand behauptet hat, stößt eine weitere Person zu Gruppe C. Ich kann nicht viel erkennen, aber dunkelblond, weiblich und vermutlich nicht hässlich, soviel steht fest. Neugierig will ich den Hals recken, um etwas mehr von Gesicht zu erspähen, als Frau Kall meinen Namen mit lauter Stimme über den Platz schallt. Verwirrt schaue ich zu ihr. Verdammt. Ich martere mein Passivgehör und hoffe, dass es mir hilft – vergebens. “Träum nicht, sonst findest du den Weg nicht!” Danke, Alte. Mach mich ruhig zum Affen. Ihr mehr als peinlicher Witz animiert die Gruppen A, B und Teile von Gruppe C – namentlich die drei Thors – zu schallendem Gelächter. Es gibt wohl noch eine Gruppe D für alle, die den Aufstieg nicht schaffen und deshalb die Straße um den Berg herum nehmen dürfen – also im Wesentlichen den Weg, den auch die Erwachsenen benutzen. Abgesehen von einer jungen Rollstuhlfahrerin, die ebenso sehnsüchtig Gruppe C mustert wie ich, kann ich von denen aber nichts sehen. Zumindest höre ich kein Gelächter aus dieser Richtung. Sympatisch.

Der Dorfpriester, ein uralter Mann mit dem Temperament einer eingefrorenen Landschildkröte, wird von Frau Kall zu einem Pult geführt. Fahrig drückt er auf einen Knopf, der da scheinbar angebracht ist, und die weihnachtliche Beleuchtung und die Straßenlaternen auf dem Platz erlischen. Ich kann es kaum glauben, als sich alle Münder, die ich sehe, zu einem anerkennenden “Oooh” formen. Er hat das Licht ausgemacht. Was für ein Held.

Die Gruppen stapfen nun auf den Wald zu. Ich halte mich hinten, die beiden Halbstarken halten Anne davon ab, mich zu nerven, und ich bin dankbar dafür. Ich überlege, ob meine Gedanken eben nicht ein wenig zu sarkastisch waren, un bin froh, sie nicht ausgesprochen zu haben. Mein Blick schwenkt noch einmal zu Gruppe C. Im Hintergrund sehe ich die D-Truppe, sie scheint größtenteils aus behinderten Kindern zu bestehen, und einem bemerkenswert dicken Jungen, der sich ziemlich zu schämen scheint. Während ich darüber nachdenke, wie gemein es ist, ausgerechnet diese Gruppe D zu nennen, schwenkt mein Blick zu Gruppe C, die gerade im Wald verschwindet. Die letzten beiden kann ich noch erkennen, Roland im Gespräch…

Mich trifft es wie ein Blitz. Ich spüre, wie sich dieses eine Bild in meine Seele einbrennt. Das Wort wunderschön scheint mir völlig nichtig anbetrachts der Augen, deren Blick für einen winzigen Augenblick zu mir huscht. Selbst im fahlen Fackelschein sehe ich ein strahlendes Blau, neben dem jeder Enzian dieser Welt vor Neid erblassen würde. Zwei kleine Lachfalten daneben geben dem Gesicht eine Wärme, die mich jeden Schnee und jeden Wind sofort vergessen lässt. Ich versinke förmlich in diesem Lächeln, dessen gerötete Lippen mir gerade das schönste Versprechen der Welt zu formen scheinen. Etwas derart schönes, strahlendes, erhabenes, übernatürliches habe ich mir bisher nicht einmal vorstellen können, und ich schließe die Augen in der plötzlichen Angst, dass irgendetwas anderes dieses Bild aus ihnen vertreiben und so alles Glück dieser Erde vernichten könnte.

Nach eigen Sekunden oder Monaten öffne ich die Augen. Mir wird plötzlich klar, dass ich ziemlich belämmert aussehen muss, mit einem glückverzerrten Grinsen und geschlossenen Augen, wie ich so im Schnee stehe. Sogar meine Hände habe ich fest an meine Brust gedrückt, die Fackel hängt dadurch gefährlich schief. Ein Blick in die Augen von Gruppe B verrät mir, dass meine Einschätzung durchaus korrekt ist. Ich zucke mit den Schultern und gehe weiter. Diese Menschen sind mir ohnehin egal, vermutlich sehe ich keinen davon je wieder. Ich habe es nur noch eilig, zur kleinen Rasthütte zu kommen. Die Hütte, in der sich die Pfade B und C treffen – und ich sie.

An Anne gehe ich vorbei, diesmal ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie mich nerven könnte. Vermutlich… hätte sie mich nicht genervt. Vermutlich hätte ich mir gewünscht, dass sie mich nervt. Vermutlich ist es aber auch völlig egal. Ich stapfe voran und durchkrame mein Gedächtnis. Aurelia. Aurea. Aurora. Genau weiß ich es nicht mehr, aber so oder so ähnlich hieß sie. Aber woher kannte ich sie? Meine Gedanken wurden unterbrochen, als ich von hinten höre “Renn doch nicht so.”.Ich drehe mich um. Tatsächlich scheine ich ein ordentliches Tempo vorgegeben zu haben, einer der beiden Halbstarken ist mir wohl nachgerannt, während ich den Rest der Gruppe fast 100 Meter abgehängt habe. “So eilig, was zu futtern zu bekommen?” grinst er mich an, und ich hasse ihn, weil er mich aus meinen Gedanken an sie gerissen hat. “Kannst dich schon noch auspowern, die Strecke wird später ordentlich steil. Musst vermutlich den Kleinen helfen.” Mich nervt sein kameradschaftlicher Ton, mich nervt, dass er mich überhaupt anspricht, mich nervt allein schon seine Existenz. Als ich merke, dass ich ihn mit Starren nicht verschwinden lassen kann, versuche ich, mich auf die Situation zu konzentrieren. Mit quälender Langsamkeit schiebt sich Gruppe B den Waldweg entlang. Mein Blick wandert nach rechts, ich meine, zwischen den Bäumen die Fackeln von Gruppe C erkennen zu können. Sie scheint schnell unterwegs zu sein. Ich hole mein Handy heraus; 21:16. Wir sind schon eine Viertelstunde unterwegs. Der ganze Weg hat, wenn man sich nicht beeilt, vielleicht zwei Stunden, zumindest ist so viel vorgesehen. Das Rasthaus sollten wir gegen viertel nach zehn erreichen, mein Passivgehör behauptet zumindest, dass Frau Kall so etwas erwähnt hat. Na toll, an sowas erinnert es sich. Gruppe B ist nun bei mir. Ich ernte einen strafenden Blick von Anne, dann geht es weiter. Oder es schleicht. Ich rechne aus, wie lange wir noch bis zur Hütte haben, natürlich ohne irgendeine Ahnung, was die Rechnung eher müßig macht. Dann versuche ich mich an Stellen zu erinnern, an denen man vielleicht auf die anderen Pfade blicken kann. Stellen, an denen die Pfade nah beieinander sind, im Winter gibt es ja wenig Unterholz. Meine Gedanken rasen wild umher, nur am Rande registriere ich, dass Gruppe B ein Wanderlied angestimmt hat. Ich höre Worte wie Gott und gesegnet, und ich weiß, dass ich dieses Lied nicht kennen will, trotzdem habe ich ein bisschen das Gefühl, dass ich hier nicht hingehöre. Natürlich! Ich gehöre in Gruppe C!

Gegen 21:37 – ich sehe fast minütlich auf’s Handy und hab mir deswegen schon einige böse Kommentare eingefangen – spuckt mein Gehirn eine Erinnerung aus: Es gibt doch die Brücke! Der Pfad der Gruppe C muss auch über den Bach, die Brücken sind nichtmal 10 Meter voneinander entfernt! Unwillkürlich steigere ich mein Tempo ein wenig, aber es fällt mir rechtzeitig auf, so dass ich nicht wieder vorlaufe. Stattdessen nutze ich den Herdentrieb, um die Gruppe nach und nach zu beschleuinigen. Ich rede sogar mit Anne, um sie zu zwingen, mit mir Schritt zu halten. Es geht um Verantwortung und die Kinder. Ich höre nicht zu. Ich denke auch nicht mehr an Anne. Ich hole das Bild, dass sich in meine Seele gebrannt hat, hervor, und betrachte es vor meinem inneren Auge. Ich kichere kurz, als mir ein Muttermal auffällt, welches sie auf dem rechten Nasenflügel trägt. Hat sie wirklich ein Muttermal? Oder habe ich das gerade hinzugedichtet? Erneut ein Griff in die Tasche, ein Blick auf’s Display. 21:39. Das kann doch nicht wahr sein! “Hörst du mir überhaupt zu?” Ich höre den Satz so oft, mein “Klar, du hast gesagt, dass…” kommt ganz automatisch. Normalerweise denke ich jetzt darüber nach, was sie denn gesagt hat. Diesmal nicht. Mein Passivgehör legt mir die Worte direkt in den Mund, mein Gehirn ist an dem Vorgang nicht beteiligt. Es schätzt ab, wann wir die Brücke erreichen. 21:49? 21:50? Ob Gruppe C dann schon vorbei ist? Matze ist ziemlich dick, vermutlich ist er langsam… vielleicht sind die Karten-Teenager auch zu abgelenkt und trödeln. Aber vielleicht trödeln sie zu viel, und wir sind zu früh an der Brücke? Dann sehe ich sie auch nicht…

21.49. Yes! Wir sind ohne weitere Verzögerung an der Brücke angekommen, schon seit drei Minuten ist mein Kopf konstant nach rechts gerichtet. Nichts! Während ich einen zwölfjährigen an seiner Hand halte, damit er auf dem glatten Holz nicht ausrutscht, blicke ich verzweifelt auf die andere, dunkle Brücke hinüber. Nichts. Die beiden Halbstarken und ich helfen den Jüngeren einzeln über die Brücke. Unsere Mienen verkünden ausnahmslos, dass wir der Ansicht sind, jeder käme auch allein über die kurze Brücke, aber Anne redet von Verantwortung und von anderen Mutter-Dingen. Ein paar leise Gedanken in meinem Kopf fragen mich, wie ich so sehr auf so ein Muttchen stehen konnte, aber sie werden ständig von der Brücke verdrängt. Der leeren Brücke. Als ich das letzte Kind mehr über die Brücke hieve als führe, spuckt mein Gehirn einen Gedanken aus. Noch bevor ich ihn zuende denke, knicke ich mit dem rechten Fuß ein. Ich lasse ein schmerzverzerrtes “Argh.” von mir und gehe zu Boden. Anne und Jennifer, das Kind an meiner Hand, schreien synchron auf… nicht besonders laut, aber sie scheinen es mir abzunehmen. Jennifer rennt die letzten Meter, und Anne scheint auch plötzlich damit einverstanden, als sie zu mir eilt. Der Halbstarke, der Jennifers andere Hand hielt, kauert sich mit missmutigem Gesicht neben mir nieder “Alles klar?” Schon wieder dieses kumpelhafte. War das der gleiche wie vorhin? “Geht nur weiter, geht bestimmt gleich wieder.” Ich hoffe, dass Gruppe C langsamer war als wir. Auch ist ihre Brücke weiter oberhalb, sie müssten also ohnehin später dort sein als wir. Der Halbstarke richtet sich langsam wieder auf, aber Anne boykottiert meinen Plan. “Jens, bleib bitte bei ihm.” Der Halbstarke – er hat sogar einen Namen! – grummelt; sein Ebenbild am Ende der Brücke tauscht mit ihm einen Blick. Beide sehen gleichzeitig ein, dass Jens nun wegen mir seine Ambitionen bei Anne fallen lassen kann, und der giftige Blick, mit dem er mich bedenkt, verrät mir, dass er nicht geneigt ist, mir zu vergeben. “Du kannst wirklich weitergehen, ich bin gleich wieder fit.” Wir wissen beide, dass er nicht gehen wird. Und so sitze ich auf der Brücke, massiere willkürlich auf meinem Knöchel herum und starre auf die andere Brücke. Der Halbstarke holt eine Schachtel Zigaretten heraus, er scheint kurz zu überlegen, mir eine anzubieten, dann raucht er aber allein. Ich sitze und warte. Nein, ich hoffe. “Was guckst’n immer auf dein Handy? Ne Perle?” fragt er. Ich nicke, vermutlich steigert es mein Ansehen bei ihm, wenn wenigstens ich keine Konkurrenz bei Anne bin. “Verstehe.” kommt es nach einer gefühlten Ewigkeit. Mir dämmert, dass dies meine Chance ist, die Uhrzeit zu erfahren, ohne allzusehr aufzufallen. Ich hole das Handy raus und sehe auf’s Display. 22:08. Verdammt! Wie lang sitz ich hier denn schon? “Nichts.” meine ich, den Frust, den ich in meine Stimme lege, muss ich nicht mal spielen. “Ach, die Weiber.” Er schnippst die Kippe in den Bachlauf, der im Winter natürlich trocken ist. “Willste’s versuchen? Wird langsam kalt.” Ich nicke und stehe auf. Ein paar Schritte humple ich noch, für den Schein, dann gehen wir normal weiter, sogar recht zügig. Er wäre vermutlich misstrauischer, hätte er es nicht auch so eilig wie ich, voran zu kommen.

Vor uns strahlt das Licht eines kleinen Camps. Wie erwartet haben eifrige Nachbarn einen Imbiss errichtet. Ein bisschen freue ich mich, denn es gibt heiße Bockwürstchen, besonders lecker, wenn es kalt ist. Einige Mitglieder der Gruppe B sind uns entgegengerannt und scheinen froh, dass mir nichts ernstes passiert ist, auch die vier Erwachsenen, die sich hier aufgebaut haben, scheinen deutlich erleichtert, einer plappert ein “Alles in Ordnung, er ist da.” in ein Handy. “Bist du verletzt?” ruft er noch zu mir, ich schüttle den Kopf, während ich über die Anwesenden sehe. “Wo ist denn Gruppe C?” frage ich, mir fällt erst danach auf, wie verdächtig diese Frage ist. “Schon vor 10 Minuten los. Wegen dir seid ihr ziemlich spät dran!” Es klingt nicht vorwurfsvoll, und doch schmettert mich die Nachricht ziemlich nieder. “Die Kinder sind auch schon weg. Ihr solltet bald los. Meinst du, es geht mit deinem Fuß?” Verwirrt sehe ich dem freundlichen älteren Herrn ins Gesicht. “Weg?” “Ja klar, sie wandern doch nur bis hier, dann fahren sie runter und drüben wieder hoch. Ist doch viel zu gefährlich!” Lachend schiebt er den letzten Warmhaltebehälter in den Kombi, der im Schatten der Hütte steht. Ich sehe den Pfad entlang, den Gruppe C genommen hatte, offensichtlich ist dieser mittlerweile zu einer kleinen Straße erweitert worden. Kein Wunder, dass die schneller waren als wir.

Enttäuscht folge ich den Überresten der Gruppe B zur zweiten Etappe. Neben Anne und den zwei Halbstarken sind noch zwei Jungs dabei, sechszehn, würde ich schätzen. Einer hat einen Seitenscheitel, und ich fühle mich kurz versucht, ihm einen Oberlippenbart zu empfehlen. Vermutlich sind die Eltern schuld, aber… wie kann man sich mit so einer Frisur öffentlich blicken lassen?

Der Weg ist harmloser, als ich ihn in Errinerung habe. Es ist steil und ein bisschen anstrengend. Gelegentlich hilft man sich, einmal macht Jens sogar einen peinlichen Kommentar von wegen Freundschaftsbande. Ich bemerke dadurch, dass er das Feld bezüglich Anne vollständig seinem Kumpan überlassen hat. Leider hat er mich demzufolge als neuen besten Freund auserkoren. “Wie ist sie denn so?” “Hm?” Die Frage reißt mich aus den Gedanken. “Du studierst doch in der Großstadt. Bestimmt machen die Frauen da viel mehr mit als hier, oder?” Eine Geste, begleitet von einem Grinsen. Was glaubt dieser Halbwilde, wie das Leben in der Stadt ist? “‘s ganz ok. Nichts besonderes.” murmle ich. Meine Gedanken sind zwar bei einer Frau, aber die hat nichts mit der Stadt zu tun. “Warst mal mit der Anne zusammen, oder?” Kann er denn nicht still sein? Ich nicke. “Und wie ist die so?” Ich stocke. Anne geht vielleicht zehn Meter vor uns, und er fragt mich, wie die so ist? Was will er hören? “Steht auf Bondage und so.” Grummel ich, obwohl mir nicht danach ist, grinse ich kurz. Er sieht es nicht. “Echt?” Verschwörerisch lege ich den Finger auf die Lippen, und dann kommt mir ein Gedanke. “Erzähl!” raunt er zu mir. “Nicht hier… komm!” Ich biege rechts ab, die steile Böschung hoch. Es ist glitschig, aber nach ein paar Mal ausrutschen hab ich es geschafft, ich stehe weiter oben. Während ich mich umsehe, klettert Jens. Da! Lichter, etwas den Hang hoch! Gruppe C! “Anne und Fesseln? So sieht die gar nicht aus!” Jens steht neben mir und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich überlege, was ich antworten kann, während ich aus den Augenwinkeln beobachte, wie sich die Lichter von Gruppe C entfernen. Unsere Gruppe scheint meinen Ausflug noch nicht bemerkt zu haben. “Kannst sie ja fragen.” Mit der denkbar blödsten Antwort schaffe ich es natürlich nicht, ihn abzuwimmeln, trotzdem stapfe ich einfach los, Richtung Gruppe C. “Jetzt renn doch nicht so, Anne hört uns doch nicht mehr. Kippe?” Er hält mir die Packung hin, aber ich ignoriere ihn. “Meinst du, sie steht auf Tattoos?” Herrje, was will der Trottel? Ich beschleunige, ich glaube, ich kann schon Stimmen hören. Das ist Roland. “Was ist denn los?” Jens ist etwas abgeschlagen, er keucht ziemlich. Ich merke, dass auch mein Körper nicht annähernd sportlich genug für diesen Sprint durch’s karge Unterholz ist, und doch halte ich mein Tempo. Ich will dahin! Ich will sie sehen! Ein paar Äste schmieren mir hässliche Streifen auf meinen ohnehin schon nicht mehr weißen Pullover, ich kriege auch ein paar ins Gesicht, glaube ich. Außerdem bremst mich ein Abhang. Aber das hält mich nicht auf, irgendwann springe ich aus dem Unterholz, gerade hinter Gruppe C. Die Drillinge und die Karten-Teens sowie die beiden Mädchen sind scheinbar mit dem Auto gefahren, nur noch sie und meine alten Freunde sind übrig. Mir fällt auf, dass ich gar nichts zu sagen habe… dass es eigentlich super bescheuert ist, was ich hier tu. Eigentlich hab ich gerade alles vermasselt. Während ich so darüber nachdenke, fällt ihnen mein Keuchen auf, und sie drehen sich um. Sie dreht sich um. Wie versteinert blicke ich in das engelsgleiche Antlitz, und mir wird klar, warum ich mich gerade den Berg hochgequält habe. Warum meine Wangen brennen. Warum ich Seitenstiche aus der Hölle spüre. Schwer atmend sauge ich diesen Anblick in mich auf. Ich habe eine gestaltgewordene Göttin vor mir. Ich bin für sie durch die Hölle gegangen. Und dieser eine Augenblick reicht mir als Belohnung.

“Alles klar bei dir?” Matze und Roland scheinen schon etwas länger auf mich einzureden. “Weiß nicht.” gestehe ich. Mein Gehirn beginnt, andere Gedanken zuzulassen. Mein rechter Handschuh fehlt. Offensichtlich blute ich an der Wange, zumindest tupft Roland mit einem Taschentuch darauf herum. Ich stehe wohl schon einige Zeit hier und starre sie an. Zumindest sieht sie ziemlich verwirrt zurück. Habe ich… habe ich meine Brust rausgestreckt? Habe ich eine Hand zu ihr ausgestreckt? Als ich es realisiere, nehme ich sie herunter. “Verlaufen.” murmle ich. Ich wünschte, ich könnte einfach zurückgehen. Oder am besten… aufwachen. Sie lachen. Laut. Klar, würde ich auch. Dennoch ist jede Sekunde, jedes “Ha”, welches mir entgegenschallt, ein schwerer Bombeneinschlag auf das bisschen Rest, was von meiner Selbstachtung übrig ist. Ich sinke zusammen. Dass ich krebsrot bin, spüre ich, ich glaube, dass sie es trotzdem unter Tränen erwähnen. Ich starre auf ihre Füße, höher wage ich meinen Blick nicht mehr zu heben. “Komm.” Matze, als er sich beruhigt hat, legt seinen Arm um meine Schulter. Er richtet mich etwas auf, und dann gehen wir weiter.

Als wir nach einer extrem schweigsamen Restwanderung oben ankommen, gehe ich schnurstracks in das Zelt, in dem meine Eltern sind. Sie wollten, dass ich im neuen Jahr bei ihnen vorbeisehe, ich hatte mir eigentlich vorgenommen, das nicht zu tun. Oder erst spät. Das Silvesterfest hat hier die Ausmaße eines Volksfestes, dementsprechend ist das wie ein recht edles Restaurant eingerichtete Zeilt sehr voll. Ich erspähe meine Eltern an einem kleinen Tisch an der Wand, einen dritten Stuhl haben sie mit ihren Mänteln offensichtlich für mich reserviert. Ich bin dankbar wie nie zuvor, dass ich sie hab, als sie die Mäntel beiseite nehmen, damit ich mich setzen kann. “Bitte nicht fragen.” stammle ich, es fühlt sich an, als würde es jede noch verbliebene Kraft aus meinem Körper zehren. Ich merke, dass ich wohl jünger bin, als ich dachte. Zumindest bin ich sehr froh, dass meine Eltern da sind, vermutlich die einzigen beiden Menschen auf der Welt, die mich im Moment nicht unendlich peinlich finden. Jedes Mal, wenn ich ein Lachen höre, drehe ich mich erschreckt um. Natürlich gilt es nicht mir, aber… vielleicht doch. Verdient hätte ich es. Die Suppe, die ein Kellner für mich bringt, würge ich appetitlos herunter. Es dauert unendlich lang.

“Aura hat gefragt, wo du bist.” Ich schrecke auf, Matze steht neben mir.. “Wer?” frage ich verwirrt. Ich bin noch in diesem Restaurantzelt, meine Eltern mit besorgter Miene bei mir. “Aura. Also Aurianna. Weißt schon.” Er deutet ein Knien an und hält eine Hand in die Höhe, als würde er einem Gott huldigen, dann zwinkert er mir zu. “Nicht lustig.” kommentiere ich niedergeschlagen. “Jetzt komm schon. Wir lachen auch nicht. Wenig.” Verbessert er, erneut zwinkernd. “Verzichte.” Ich schüttle matt den Kopf. “Echt jetzt, wir haben es niemandem erzählt. Weiß quasi keiner.” Er redet noch ein wenig weiter. Motiviert bekommt er mich zwar nicht, aber meine Lebensgeister kehren langsam wieder. Ich ignoriere sein Gerede, während ich zu meinen Eltern sehe. In ihren Mienen lese ich, dass sie mir nicht den Rest des Abends Asyl gewähren wollen. Seufzend stehe ich auf und begleite den quasselnden Matze.

Ich bin wohl kein guter Gesprächsparter. Matze wird mit jedem Schritt schweigsamer. Ich antworte gar nicht, stattdessen blicke ich mich nach einem Loch um, in dem ich verschwinden könnte. Meine Fantasie entführt mich in den Raum jenseits des Kellerfensters der kleinen Kapelle, vermutlich könnte ich mich da ein Jahrhundert lang verstecken, bis mein Auftritt vergessen ist. Ich bemerke kaum, dass wir in ein großes Rund aus Baumstämmen treten, die Gruppen A bis D sind vollzählig versammelt, Frau Kall sitzt in der Mitte an einem Feuer und hat eine Gitarre auf dem Schoß. Ich erspähe einen freien Platz bei Aurianna, entscheide mich aber, mich zu Jens zu setzen, der etwas weiter rechts raucht. “Alles wieder gut?” Ich glaube, er fragt nur aus Höflichkeit, und nicke. Matze hat sich abgesetzt und sitzt bei Gruppe C. “Da wir jetzt alle da sind…” Frau Kall zwinkert mir zu, und mir wird übel “… können wir zum Essen gehen.” Dem Herdentrieb folgend, trabe ich mit der Masse in ein etwas kleineres Zelt, in dem ein paar Bierzeltgarnituren aufgebaut sind, auf denen Essen steht. Unter anderen Umständen würde ich das Essen wohl als köstlich einstufen, so setze ich mich lustlos auf den erstbesten Platz. Meine Freunde scheinen zu denken, dass ich Aufmunterung gebrauchen könnte, sie setzen sich zu mir. Es gibt ein Tischgebet, dann wird gegessen. Ich hebe den Blick nicht vom Tisch und gebe mich mit einem Apfel zufrieden, auf dem ich lustlos herumkaue. Irgendwann beginnt Frau Kall, die Allgemeinheit zum Singen zu animieren, zum Glück sitze ich maximal weit von ihr entfernt. Ich hebe den Blick und sehe dem fröhlich krähenden Jo ins Gesicht. Mein Blick wandert nach rechts, Matze scheint dort im Zwispalt zwischen Singen und Essen. Weiter schweift mein Blick, und ich schlucke. Neben Matze sitzt Aurianna. Schlimmer – sie singt nicht mit, sondern sieht mich an. Ein besorgtes Lächeln schwebt über ihren Zügen, und, wenngleich durch unendliche Scham gedämpft, das Gefühl der Wärme kommt für einen Augenblick zurück.

Nach zwei Liedern wird der Nachtisch verteilt. Der warme Schokopudding schmeckt mir plötzlich wesentlich besser. Ich lausche dem Gespräch. Aurianna hat eine leichte, fröhliche Stimme. Irgendwas in mir erinnert sich, wir waren zusammen in die Grundschule gegangen. Ich stelle bei einem vorsichtigen Blick fest, dass sie tatsächlich ein Muttermal auf dem Nasenflügel hat. Dann trifft ihr Blick den meinen, und ich wende mich ab. Ich beteilige mich am Smalltalk. Mit Aurianna zu sprechen, bringe ich nicht fertig. Immer wieder sehe ich zu ihr, doch jedes Mal begegnet sie meinem Blick und ich schau wieder auf meine nun leere Puddingschüssel. Ich versuche, ihren Gesichtsausdruck zu deuten, doch ich kann nicht klar denken. Dann fasse ich mir ein Herz und sehe auf.

Die Zeit scheint mir endlos. Wie aus einer anderen Welt blicken mir zwei blau strahlende Augen entgegen. Ich habe das Gefühl, in sie hineingesogen zu werden. Und ich habe das Gefühl, dass sie in mich hineinsieht. Ihr Blick geht durch meine Augen, in meine Gedanken. Die Gedanken werden wie im Vorbeigehen zerstört, der Blick geht tiefer. Ich spüre ihn bis auf meine Seele hinabsinken, und ich weiß: Sie sieht Dinge, von denen auch ich bisher nicht wusste, dass sie da sind. Ich bemerke, wie ihre Augen zu lächeln beginnen. Ich glaube, dass auch ich lächle, aber das ist egal. Ich verstehe sie. Und ich weiß, dass sie mich versteht.

Ich höre ein Lachen. Erst aus der Ferne. Ich merke, dass ihr Blick irritiert wird, und erst dann werde ich auf das Lachen aufmerksam. Langsam, unendlich langsam, lösen sich unsere Blicke, und ich sehe mich um. Viele Augen sind auf mich gerichtet. Zu ihnen gehören lachende Gesichter. Unser Blick wurde bemerkt; und nicht nur das: Er scheint das Thema allgemeiner Unterhaltung zu sein. Ich merke, wie mir das Blut ins Gesicht steigt, und die Scham treibt mich aus dem Zelt.

Ich gehe hinter die Kapelle, zu dem Abhang, den ich vor einer gefühlten Ewigkeit hochgeklettert bin. Ich gehe ein Stück hinab, möchte allein sein. Fernab des Trubels. Unten in der Ebene steigen erste Raketen in den Himmel, die Geräusche kommen leise und verspätet zu mir. Die Kapelle fängt den Lärm vom Fest größtenteils ab, und so setze ich mich in den Schnee. Dein Einsamkeit ist mir ganz recht, auch die Kälte kann ich ertragen. Dann höre ich Schritte. Sie verharren neben mir, schweigen. Ich schweige auch. Vermutlich gibt es nichts zu sagen. Vom Fest ertönt der Countdown. Neben mir setzt sich jemand in den Schnee. Als der allgemeine Jubel hinter mir lautstark das neue Jahr begrüßt, berührt eine Hand meine Schulter. Ich fasse mit der anderen Hand leicht danach und sehe in den Himmel hinauf. Die sternklare Nacht wird vom ersten Ferwerkskörper zerrissen. Aber mich stört es nicht. Zum ersten Mal an diesem Abend kann ich frei lächeln.

Ein paar Gedanken zu Steuern

Oft hab ich mit Ina Streit – oder sagen wir, Diskussionen – darüber, was gerecht ist. Prinzipiell ist Ina für “Je mehr man verdient, desto mehr muss man zahlen.” und ich bin der Ansicht “Wer zu viel bezahlen muss, fühlt sich ungerecht behandelt und wird Russe, so wie Dépardieu.”. Naja, altes Streitthema: Kopfsteuer oder Steuerstaffelung.

Kurz ein wenig zum Vokabular. Weil ich keinen Plan habe, erfinde ich eigenes -Wee :)

Eine Kopfsteuer ist eine Steuer, die pro Kopf bezahlt wird. Soweit ich weiß, haben wir keine echte Kopfsteuer in Deutschland; könnte mich aber täuschen. Das andere, ich nenne es mal Relativsteuer, ist eine Steuer, die pro Potential bezahlt wird. Sprich: Je mehr Steuern jemand zahlen kann, desto mehr muss er auch. Theoretisch sind die die Sozialabgaben ein Beispiel; also Krankenkasse etc.. Nicht genau, aber so ungefähr. Die dritte Steuermöglichkeit ist eine überproportionale Steuer: Je mehr jemand zahlen kann, desto mehr muss er pro Potential zahlen. Die meisten Steuern in Deutschland sind dieser Art; vor allem die Einkommenssteuer.

Die oben genannten Steuern sind die Steuern, die wir führ bloßes Rumsitzen bezahlen müssen. Wer stinkt und Geld verdient, muss diverse solcher Steuern zahlen; oft verschleiert in Form der GEZ (die nicht mehr so heißt), Soli, Krankenversicherung und was weiß ich nicht alles.

Das gleiche Konzept gibt es nochmal, wenn man was tut. Einfachstes Beispiel ist die Mehrwertsteuer (die korrekt Umsatzsteuer heißt, zum Glück ist das alles verbeamtet O.o). Wer was kauft, muss die bezahlen; die MWSt. ist eine Relativsteuer. Pro Euro, den ich ausgebe, zahle ich 19% MWSt., so dass ich letztendlich 1,19 löhnen muss. Eine verstecktere solcher Steuern ist der Eintritt in ein öffentliches Schwimmbad – hier haben wir eine Kopfsteuer. Pro Nase, die reinwill, muss man 3,20 oder so bezahlen. Da die Dinger öffentlich getragen werden, können wir hier getrost von einer Steuer sprechen. Wenn man es ganz genau nimmt, gibt es hier sogar Negativsteuern: Wenn ich ein Kind haben tue (bescheuert ^^), bekomme ich Steuern erlassen. Da hier so mehr oder weniger ein Prozentsatz gemäß meines Einkommens festgelegt wird, ist es eine negative überproportionale Steuer. Kranker shit :D

Okay, wenn wir jetzt all das Geld, dass wir dem Staat geben, und all das Geld, welches wir dem Staat nicht geben müssen, weil wir bestimmte Dinge tun (Pendlerpauschale, Absetzen, etc.), zusammenrechnen, stellen wir fest, wie viele Steuern wir zahlen. Damit könnte man jetzt ausrechnen, ob wir eher Kopfsteuern bezahlen, relative oder sogar überproportionale. Dazu wird noch unser Verhalten veranschlagt: Je nachdem, was wir so anstellen, bewegt sich unser Verhalten Richtung Kopf- oder Richtung überproportionaler Steuer.

Soweit zur Theorie, und das klingt soweit auch noch ganz nett. Dumm ist: Unser Verhalten kann dermaßen verrückt werden, dass wir keine (NICHTS!) Steuern zahlen. Wenn ich zum Beispiel einen 1000-Euro-Job in München annehme, könnte ich so viel Pendlerpauschale erwirtschaften, dass ich keine Einkommenssteuer mehr zahlen muss. Stattgegeben – Mehrwertsteuer muss ich trotzdem noch abdrücken, und den Eintritt ins Schwimmbad erlassen sie mir auch nicht. Bei Firmen sieht das anders aus – es gibt tatsächlich Firmen, die keine Steuern zahlen. Übrigens entsetzlich viele ^^. Privatpersonen sind da seltener, aber Leute, die trotz guten Verdiensts nahezu befreit von der Einkommenssteuer sind, gibt es zuhauf.

So, wo führt dieser Gerede jetzt hin? Wir erinnern uns: Anfangs ging es um Gerechtigkeit. Was gerecht ist, sieht jeder anders. Und der Plan der Demokratie ist folgender: Alle wählen, und dann gibt es einen Kompromiss aus der Gesamtheit der Stimmen. Dazu gibt es eine Prise Minderheitenschutz, in diesem Fall beispielsweise die Frage, was machen wir mit Leuten, die überhaupt kein Einkommen haben? Der Einfachheit halber lassen wir den Minderheitenschutz außen vor; sprich, wir behaupten, jeder habe ein Einkommen. Also, Gerechtigkeit. Die Position von Ina wird gemeinhin links genannt, meine wird, seitdem das Wort rechts politisch nicht mehr tragbar ist, meist fälschlicherweise mit liberal tituliert. Also, wenn ich will, dass es überproportionale Steuern gibt, wähle ich links, wenn ich will, dass es Kopfsteuern gibt, wähle ich… die anderen halt. So müsste es ja funktionieren. Müsste.

Soweit zu den Grundüberlegungen. Die offensichtlichen Fehler dieses Systems und ein paar Gedanken, was man warum ändern könnte, kommen demnächst :>

Jetzt blogge ich!

Hallo Welt!

Nach unendlicher Zeit des “ich würde gerne” habe ich mich mal dazu durchgerungen, ein Blog auf meinen Server zu werfen. Ob das klug war?

Wie dem auch sei, ich werde versuchen, Dinge, die mich interessieren, hier zu beleuchten. Ich hoffe, ich gewinne dadurch etwas Distanz und kann nochmal über alles nachdenken. Vielleicht hilft mir ja auch der ein oder andere Kommentator dabei.

Viel Spaß :)